Auf offener See

Es heißt doch Wasser hat keine Balken. Ich glaube das jetzt nicht mehr! Der ganze Atlantik ist voller Eisenbahnschwellen oder vielleicht auch Bordsteinkanten über die so ein Segelschiff dauernd rauf und runter poltert. Man kann die nicht nur fühlen, man hört sie auch! Rums, bums, krach.

Es könnte natürlich auch Triton sein, der seinen Dreizack beiseitegelegt und sich dafür Thors Hammer geliehen hat. Jetzt schwimmt er wie ein Otter rückwärts unter unserem Schiff her, haut wahllos immer wieder gegen den luvseitigen Rumpf und kichert dabei blubbernd und blöde.

Vor allem, wenn man unten im Bett liegt ist das echt laut!

„Triton Dummbatz“ murmelt Michel im Schlaf

Ja ja, vier Tage und Nächte auf See mit zwei kleinen Kindern. Schlafmangel verursacht Hirngespinste, weiß man doch!

Aber im Ernst, unsere Erste längere Blauwasserstrecke ist bestens gelaufen. Noch in Düsseldorf haben ich immer gesagt, dass ich diese Etappe nur mit drei oder besser vier Erwachsenen mache. Ich war bang vor den Nachtschichten, dem Schlafmangel und den langen Tagen auf beengtem Raum mit nöligen Kindern, die einen nicht Nickern lassen.

Das Nachtschichten etwas Wunderbares haben können, habe ich ja schon gelernt. Auf dem Weg nach Gibraltar war ich die ersten Male alleine mitten in der Nacht am Ruder. Davor waren es noch Doppelwachen, zusammen mit Bernard in der Biskaya. Wir haben uns von Anfang an so arrangiert, dass ich früh mit Michel schlafen gehen. Gegen 1 Uhr weckt mich JD zur Wache.

(Intermezzo: es ist so zum Schießen, wenn Michel wie grade von draußen nach drinnen wackelt, damit ich ein paar Wäscheklammern passend zusammen setzte, um dann in schönstem, breitbeinigstem Seemannsgang wieder nach draußen zu schlenzen. Ich selber merke gar nicht mehr, dass der Seegang schon ganz ordentlich ist.)

Paul, als JD´s Wachbegleiter, ist vermutlich gegen Mitternacht zu uns ins Bett gekommen. Wenn er munter und willig ist (wie eigentlich immer 😉 darf er wachbleiben so lange er kann, dann ist der Käpten nicht so alleine. Mit Paul geht das. Denn er schläft dann einfach morgens länger. Michel steht immer früh auf. War es abends spät, ist auch die Laune morgens dementsprechend.

Von 1 bis 3 sind also meine Sternenstunden.

Erst mal die Wachübergabe: was macht der Wind? Wie stehen die Segel? Schiffe in Sicht? Dann Kaffee kochen, entscheiden ob die Segeljacke sein muss oder die Decke reicht und gemütlich am Steuerstand niederlassen. Der Bildschirm vor mir zeigt nachts das Radar: ein kleines Dreieck in der Mitte ist unser Boot, ringsum werden andere Schiffe als rot gelbe Streifen sichtbar. Über dem Gashebel hockt mein Sonnenhut. Sein bisschen weißes Licht blendet schon, denn alle anderen Instrumente sind auf Rotlicht. Auch drinnen im Salon ist nur funzeliges Rotlicht am Kartentisch und wenn ich etwas suche, muss ich die Stirnlampe einschalten.

In der ersten Nacht waren die vielen Fischer auch ohne Hilfsmittel nicht zu übersehen. Bis zu 15 Lichter gleichzeitig, die völlig unberechenbar hin und her fahren und weiträumig umschifft werden müssen. Die haben Vorfahrt! Auch Frachter und schwimmende Fischfabriken sehen wir und sind froh, wenn ihr Kurs dem unseren nicht zu nahekommt. Ändert sich auch der Wind noch, bin ich eine Weile damit beschäftigt, zu entscheiden was ich mit den Segeln machen muss und es dann umzusetzen. Sooo versiert bin ich halt noch nicht – aber der Skipper hat bislang noch nicht gemeckert ;-). Zwei Stunden sind schnell rum, die dritte aber zieht sich häufig… Viertel vor Vier kann ich kaum noch die Augen aufhalten. Viertel nach Vier liege ich dann hellwach im Bett und kann nicht schlafen…

Nach zwei Tagen allerdings ist dem Körper alles egal und man kann in jeder Position kurz weg Nickern und Schlaf nachholen. Kommt mir total bekannt vor! Nur dass das Neugeborene, das ich durch die Nacht schaukele, schlappe 19 Tonnen wiegt!

Gegen sieben oder acht beginnt meine Frühstückswache, je nachdem wann Michel wachwird und JD nicht mehr kann. Jetzt wird es hell und alles ist einfacher. Aber so richtig beginnt der Tag erst, wenn Paul und JD auch wieder an Deck sind!

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